Der Fluss fließt weiter
Ich sitze schon wieder im Flugzeug, weit oben über den Wolken. Alle sind an Board: Julian, Gitzi, Theo und Alex. Nach genau vier Monaten, also etwa einem Drittel meines Auslandsjahres, geht es für uns los, Lateinamerika weiter zu erkunden.
In den letzten Wochen ist unglaublich viel passiert. So vieles erlebt, so viele Aufs und Abs, so viele unterschiedliche Gefühle im Bauch. Und trotzdem bleibt die Zeit nicht stehen. In zwei Stunden landen wir in São Paulo und ich bin mir sicher, dass auch die nächsten vier Wochen in Brasilien wieder viel zu schnell verfliegen werden.
Vor etwa zwei Wochen wurden all unsere SchülerInnen in ihre wohlverdienten Sommerferien entlassen. Die Ältesten hatten Promoción, eine Art bolivianische Matura-Zeugnisvergabe, natürlich mit riesigen Feierlichkeiten. Alle Familien der AbsolventInnen kamen an die Schule, in der schon alles vorbereitet war: ein roter Teppich, auf dem die Schülerinnen von ihren Eltern nach vorne begleitet wurden, ein großes Podium für die obligatorischen Fotos und natürlich eine riesige Musikanlage, die Theo und ich aufbauen durften. Bestimmt wird sie nur einmal im Jahr benutzt, so staubig wie sie aussah. Dann gab es Auszeichnungen für Sport, fürs Kochen, für handwerkliches Arbeiten und vieles mehr. Die Feierlichkeiten wollten gefühlt kein Ende nehmen.
In den Tagen davor wurde es in unserem Internat immer stiller. Alle fünfzehn Jungs würden über die Ferien zu ihren Familien reisen. Ein komisches Gefühl – so ruhig war es hier noch nie. Keine laute Musik um 6:00 in der Früh, während direkt vor unserem Zimmer mit vollem Elan Wäsche gewaschen wurde. Kein lautes Gelächter um 23:30, weil wieder irgendetwas Verbotenes ausgeheckt wurde. Kein Fußballspielen im Hof, nicht einmal Hemden hingen noch auf den Wäscheleinen draußen. So vieles, das mir davor auf die Nerven gegangen ist, fehlt mir jetzt irgendwie.
Viele der Kids kommen nach den Ferien nicht mehr zurück, weil sie zu alt sind oder in einem anderen Departamento zur Schule gehen. Ein paar Tage vor der Abreise liegt eine spürbare Traurigkeit im Internat. Wann sieht man seine Kollegen wieder? Sieht man sie überhaupt wieder? Insgesamt hatte ich aber das Gefühl, dass mich das alles stärker bedrückt als die meisten der Jungs. Schon komisch. Ich habe viele von ihnen erst in den letzten Wochen richtig kennengelernt und sie trotzdem so sehr ins Herz geschlossen – und jetzt soll ich mich verabschieden, in dem Wissen, dass ich viele wahrscheinlich nie wieder sehen werde. Das macht mich mehrmals richtig traurig. Wieder liegt diese ungewohnte Stimmung in der Luft, wieder eine endgültige Veränderung, und wieder merke ich, wie schwer mir das fällt.
Am letzten Abend sind nur noch sieben Kinder im Internat. Wir beschließen, noch einmal gemeinsam essen zu gehen, in unser Lieblingsrestaurant am Plaza. Alle sind gut drauf, lachen viel. Ein schönes Gefühl. Wieder einmal bleibt mir nichts anderes übrig, als darauf zu vertrauen, dass alles gut wird – und dass es in Ordnung ist, wenn sich manche Wege im Leben nur einmal kreuzen. Man kann solche Begegnungen nicht festhalten, aber das Gefühl, das dabei entsteht, diese Verbindung, egal wie kurz sie war, kann man mitnehmen. Dafür bin ich dankbar.
Jetzt ist es wirklich still. Der Rucksack mit allen wichtigen Sachen ist gepackt und wir sind auf dem Weg zum Nachtbus Richtung Santa Cruz. Eine Woche vor Brasilien nehmen wir uns noch Zeit, ein paar Orte in Bolivien zu erkunden. Außerdem fahren Theo und ich von Santa Cruz direkt weiter nach Cochabamba, etwa 2000 Meter höher gelegen, um Johannes zu besuchen. Er macht dort gerade einen Spanischkurs, bevor er uns im Jänner nach San Ignacio begleitet.
Am frühen Sonntagmorgen kommen wir in Cochabamba an. Eine Stadt, die ganz anders aussieht als Santa Cruz. Am schönsten ist es, wieder Berge zu sehen – davon gibt es hier, so nah an den Anden, sehr viele. Die Luft fühlt sich ganz anders an und die Sonne ist trotz des kühleren Klimas deutlich stärker. Die Tage dort habe ich sehr genossen. Da ist wieder dieses starke Gefühl in mir, hier in Bolivien Zeit mit einem guten Freund zu verbringen. Es fühlt sich kein bisschen ungewohnt an. Wir reden viel, lachen viel, erleben gemeinsam Dinge. Es ist, als wäre ein kleines Stück Zuhause zu mir gekommen.
Die drei Tage vergehen viel zu schnell. Umso glücklicher war ich, als Johannes sich entschied, noch ein paar Tage mit uns weiterzureisen und sich dafür frei zu nehmen. Unser nächster Halt war Uyuni, eine kleine Stadt direkt an der großen Salzwüste Boliviens. Uyuni liegt noch höher, auf etwa 3600 Metern, und die Busfahrt dorthin war eine der längsten und anstrengendsten Reisen, die ich hier bisher gemacht habe. Nach rund zwölf Stunden kommen wir müde, aber erleichtert an. Das Klima ist überwältigend: so viel Sonne, so trockene und kalte Luft und so eine karge Landschaft. Weit über der Baumgrenze wachsen hier nur noch kleine, buschartige Pflanzen aus dem trockenen Boden. Während unserer zweitägigen Tour durch die Wüste und die umliegenden Berge sehen wir einige der beeindruckendsten Landschaften, die ich je erlebt habe. Ich habe selten in so kurzer Zeit so viele Fotos mit Handy, Kamera und Drohne gemacht. Ein paar davon sind hier zu sehen. Neben Kakteen, Lamas, Flamingos und heißen Quellen ist es vor allem die Landschaft selbst, die mich am meisten fasziniert hat.
Auch unser nächster Stopp sollte mich nicht weniger beeindrucken. Nach einer Nacht in Uyuni fahren wir weiter nach Sucre, der offiziellen Hauptstadt Boliviens und für mich mit Abstand die schönste Stadt. Wir wohnen relativ zentral, und alles hier sieht ganz anders aus als in den anderen Städten, die ich bisher gesehen habe. Sucre liegt zwischen den Bergen, viele Straßen führen steil bergauf oder bergab. Es gibt kleine Gassen, Balkone an fast jedem Haus, und manchmal fühlt es sich an, als wäre man genauso gut in Italien oder Spanien in einer Bergstadt. Der große Unterschied sind die nicht vorhandenen Touristen und die fehlenden überteuerten Preise.
Am Ende einer gefühlt endlosen Treppe zeigen uns Juli und Gitzi, die schon zum zweiten Mal hier sind, eines der schönsten Cafés überhaupt. Hoch über Sucre, auf einer kleinen Plattform mit Blick über die ganze Stadt. Und der Kaffee schmeckt hier ausnahmsweise wirklich richtig gut. Die Sonne strahlt auf unsere Köpfe, der Blick über die vielen Dächer im Tal gerichtet, einen Moment lang einfach nur genießen.
Umso trauriger sind wir, als wir an diesem Tag schon um 17:00 wieder aufbrechen müssen, um den Bus zurück nach Santa Cruz zu erwischen. Nach einer Woche gemeinsamer Reise heißt es auch, für einen Monat Abschied von Johannes zu nehmen. Ich winke ihm noch aus dem Bus nach. Wieder mit einem leicht bedrückten Gefühl im Bauch, aber mit einem noch viel größeren Gefühl von Dankbarkeit für all die Erlebnisse der letzten Tage.
Jetzt bin ich wieder in der Luft. Schon seit einiger Zeit ziehen unter mir brasilianische Felder vorbei. Ich bin extrem aufgeregt. In zwei Tagen werde ich meine Freundin zum ersten Mal seit Langem wieder umarmen können und wir werden dieses Abenteuer ein Stück gemeinsam erleben. Ich weiß, dass auch die nächste Zeit nicht langweilig wird, dass viele Gedanken durch meinen Kopf ziehen werden – schöne wie schwierige. Ich bin gespannt, was mich erwartet und welchen neuen Situationen ich begegnen werde.
Das Abenteuer geht weiter.
deine gedanken
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