Der Master Plan
Was mache ich eigentlich, wenn ich zurückkomme?
Eine Frage, die sich in letzter Zeit immer öfter einschleicht. Nach mittlerweile über einem halben Jahr in Bolivien wird sie spürbar lauter. Wie geht es danach für mich weiter?
Eine Entscheidung, vor der wahrscheinlich viele nach dem Ende ihrer Schulzeit stehen. Bis dahin war vieles klar geregelt, strukturiert und vor allem vorgegeben. Irgendjemand anders hatte sich um den Plan gekümmert. Auch wenn ich während der Schulzeit noch nicht wirklich wusste, was ich später einmal machen möchte, gab es trotzdem eine Richtung. Einen Rahmen, an dem man sich orientieren konnte. Man erscheint zu den vorgegebenen Zeiten, erledigt das, was erwartet wird, lernt für den nächsten Test und bekommt dafür eine Note. Ein System, das klar funktioniert und dadurch irgendwie Sicherheit gibt.
Erst danach merkt man, wie ungewohnt echte Entscheidungsfreiheit eigentlich ist. Plötzlich muss man selbst festlegen, welchen Weg man einschlägt. Studium, Ausbildung, Arbeit und mit jeder Entscheidung schließen sich gleichzeitig unzählige andere Möglichkeiten. Es gibt keine Bewertung mehr dafür, ob man sich richtig entscheidet. Kein richtig oder falsch, nur Konsequenzen.
Die Schule ist ziemlich gut darin, Menschen darauf vorzubereiten, sich in bestehenden Systemen zurechtzufinden. Eine gute Note, die Matura, das Studium, der passende Job, Beförderungen, Schritt für Schritt nach oben. Ein klarer Weg, der für viele funktioniert.
Manchmal wünsche ich mir, dass mich genau dieser Weg auch einfach erfüllen würde. Dass es sich klar anfühlt. Aber gleichzeitig habe ich das Gefühl, dass es unendlich viele Möglichkeiten gibt, wie ich mein Leben gestalten könnte. Sollte man nicht möglichst viel ausprobieren? Ideen verfolgen, auch wenn sie vielleicht unrealistisch wirken? Reisen, Erfahrungen sammeln, Umwege gehen?
Doch genau darin spüre ich auch einen Widerspruch. Je mehr Möglichkeiten es gibt, desto schwieriger wird es, sich festzulegen. Vielleicht entsteht Unzufriedenheit nicht trotz, sondern wegen dieser Freiheit, weil man ständig das Gefühl hat, irgendwo könnte noch etwas Besseres warten. Vielleicht gibt es gar keine perfekte Entscheidung, sondern nur Entscheidungen, die man irgendwann selbst zu seiner richtigen machen muss.
Und trotzdem bleibt dieser Wunsch zu wissen, was am Ende wirklich erfüllt. Was „genug“ ist. Denn wenn ich ständig versuche, mich weiter zu optimieren oder nach der besseren Option suche, wird der Moment, in dem ich gerade bin, schnell zu etwas Vorläufigem. Zu etwas, das nie ganz reicht.
Ich glaube, dass der Weg wahrscheinlich irgendwo dazwischen liegt. Zwischen Orientierung und Offenheit. Zwischen Plan und Ausprobieren. Sich das rational zu sagen ist leicht, wirklich zu akzeptieren, dass es in Ordnung ist, nicht den perfekten oder effizientesten Weg zu gehen, fällt mir deutlich schwerer. Der Gedanke, dass es mir woanders, mit anderen Entscheidungen die ich hätte treffen können vielleicht besser gehen könnte, macht es manchmal schwierig, das Hier und Jetzt vollständig wertzuschätzen.
Vielleicht geht es aber gar nicht darum, den einen Plan zu finden. Vielleicht entsteht Sinn nicht dadurch, dass man den objektiv richtigen Weg auswählt, sondern dadurch, dass man irgendwann aufhört, permanent nach einem besseren zu suchen. Nach einer Entscheidung nicht sofort weiterzublicken, sondern kurz stehen zu bleiben. Innezuhalten und ehrlich wahrzunehmen, wie es sich anfühlt.
Nach und nach besser zu verstehen, was einem wirklich gut tut, nicht theoretisch, sondern im eigenen Erleben. Welche Situationen Energie geben, welche sie nehmen. Welche Wege sich stimmig anfühlen, auch wenn sie von außen vielleicht keinen perfekten Sinn ergeben. Sich weniger von der Vorstellung eines Ideals leiten zu lassen und mehr von dem, was sich im Moment richtig anfühlt. Vielleicht entsteht Orientierung genau dort. Nicht durch einen großen durchdachten Plan, sondern durch viele kleine Momente des Wahrnehmens, Anpassens und Weitergehens.
Und vielleicht bedeutet Erwachsenwerden am Ende weniger, alles im Voraus zu wissen, sondern Vertrauen darin zu entwickeln, dass man den eigenen Weg auch unterwegs immer wieder neu ausrichten darf.
deine gedanken
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