Diese Geschichte beginnt mit einer kurzen WhatsApp-Nachricht von unserer Chefin im Internat und der Schule. Am Abend kam die Frage, ob nicht einer von uns mitkommen möchte, um am nächsten Tag Fleisch zu kaufen und das Lager wieder aufzufüllen.

Puh, das kann spannend werden, hab ich mir gedacht. Aber so eine kleine Herausforderung hat noch nie geschadet, also haben Julian und ich beschlossen mitzukommen.

Biiiiiip biiiiiip. Am nächsten Morgen hat der Wecker wirklich viel zu früh geläutet – aber um 6:00 war Abfahrt, so war’s ausgemacht. Schnell irgendein Gewand übergestreift, eine kleine Tasche gepackt und raus vor die Tür. Pünktlich um 5:57. Natürlich haben wir das Offensichtliche vergessen: bolivianische Pünktlichkeit. Eine halbe Stunde später bog dann der Toyota-Pickup in unsere Straße ein.

Neben Mariella, unserer Chefin, waren auch zwei Arbeiter der Schule an Bord. Hinten zu dritt hineingequetscht und los geht’s… fast. Nächster Stopp war am anderen Ende von San Ignacio, wo wir eine der Schulköchinnen abgeholt haben. Die zweite Sitzreihe wurde damit von drei auf vier Plätze erweitert – das würde also eine sehr kuschelige Fahrt werden. Halb zwischen Julian und halb zwischen der Tür eingeklemmt startete unsere Reise, die etwa eine Stunde zwanzig dauern sollte.

Der erste Teil, hinaus aus San Ignacio über die Schnellstraße, war noch vergleichsweise angenehm. Nicht viel später bogen wir links auf eine Art Forstweg ab. Die Straße war wieder genau so breit wie das Auto, links und rechts dichter Wald, vor uns ein weiter Weg. Schnell wurde klar, dass vermutlich nur ein Pickup wie unserer hier durchkommt. Alle fünf Meter ein Schlagloch, dann eines mit Wasser gefüllt. Kurz Gas, bremsen, nächste Grube links, rechts. Bam – plötzlich schnalzt ein halber Ast durchs offene Fenster. So ging’s erstmal weiter. Zehn Minuten, dreißig Minuten, eine Stunde…

Irgendwann kamen wir an einem Dorf vorbei, so unfassbar abgelegen von jeder Zivilisation, dass ich mich fragte, wie man hier leben kann. Die Häuser bestanden aus einer Mischung aus Lehm und Erde, und an den Stellen, wo das Material abbröckelte, sah man die Unterkonstruktion aus Ästen und Stöcken. Die Dächer teilweise aus Stroh – unmöglich, dass bei starkem Regen alles trocken bleibt. Mich überrollt wieder dieses komische Gefühl: Das, was ich hier sehe, gehört in meinem Kopf eher in eine Ausstellung, wie Menschen vor 300 Jahren gelebt haben. Kein Strom, kein Internet, keine Möglichkeit, weiter als bis San Ignacio zu kommen, und das auf Holzkarren, die von Pferden oder Eseln gezogen werden. Und trotzdem ist das hier die Realität der Menschen und Kinder, die am Auto vorbeiziehen. Wie sie sich wohl fühlen?

Eine halbe Stunde später fuhren wir an einer riesigen Weide vorbei, auf der hunderte, vielleicht tausende Rinder grasten. Dann durch ein Tor auf den Hof, bei dem wir wahrscheinlich gleich das Fleisch holen würden. Während der Fahrt hatten wir herausgefunden, dass hier etwa einmal im Monat Fleisch für das Internat und die Schule abgeholt wird. Es würde also viel Fleisch sein. Müssen wir gleich zusehen, wie sie ein Tier umbringen? Julian und ich schauten uns etwas verzweifelt an. Wird schon.

Bevor es losging, versammelten sich alle in einer Art Gemeinschaftsküche und wir frühstückten zusammen. Die Stimmung war super freundlich und herzlich. Zwei Arbeiter vom Rinderhof waren auch dabei. Es wurde gegessen und geplaudert – über Schule, Politik. Von dem, was gleich passieren würde, war nichts zu spüren. Bei mir kamen kurz Zweifel auf, ob ich mit dem, was jetzt vielleicht kommt, wirklich gut umgehen kann oder ob ich mich überschätzt habe. Aber die Stimmung der anderen gab mir genug Zuversicht, dass es hier nichts gibt, wovor man sich fürchten müsste.

Dann gingen wir raus. Ein anderer Pickup fuhr in den Hof, auf der Ladefläche eine Kuh. Zerteilt in grob zehn Stücke: vier Beine, zwei Teile des Brustkorbs, der Rücken, die Hüfte und der Kopf. Bis auf den Kopf war alles gehäutet – eine Kuh war’s trotzdem eindeutig. Kurze Erleichterung, dass der härteste Teil schon erledigt war, aber wohl fühlte ich mich trotzdem nicht dabei, dem leblosen Kopf der Kuh in die Augen zu schauen.

Alle machten sich an die Arbeit, die Stücke auszuladen. Mit Messern wurden Schlitze in die großen Teile geschnitten, um besseren Halt zu haben, dann wurden die zig Kilogramm schweren Stücke zu zweit auf Haken gehoben und gewogen. Erst das erste Bein, dann das zweite, dann der halbe Brustkorb. Während die beiden Männer jedes Stück wogen, begannen die anderen, alles kleiner zu zerteilen und das Fett vom Fleisch zu schneiden. Eine lange Arbeit.

Nach den ersten intensiven Eindrücken musste ich mich überwinden, das Fleisch selbst anzufassen. Nur daneben zu stehen und nicht zu helfen wäre noch unangenehmer gewesen. Also nahm ich ein Messer und versuchte, vorsichtig die weißen Fettstücke vom Fleisch zu schneiden. Wieso fühlt sich das so schwer an, im Vergleich zu einem Steak, das ich in der Küche schneide?

Es ist wirklich nicht leicht, und mehrmals musste ich mir einreden, dass das völlig in Ordnung ist. Das ist das Fleisch, das ich so oft esse – nur eben in einem Zustand, mit dem man sonst nie konfrontiert wird. Die anderen machten das hier mit einer Selbstverständlichkeit, die mich beeindruckt hat. Währenddessen stand ich da, meine Hand in einem Stück Kuh, das ich nicht einmal mehr als Körperteil erkennen konnte, ein warmes Stück Fett in der anderen Hand, und musste Kraft aufbringen, um das Messer durchzuziehen. Weiter hinten lief eine große Bandsäge. Alle Knochen wurden dort in zehn Zentimeter große Stücke gesägt, damit man auch sie fürs Kochen verwenden kann.

Der ganze Prozess dauerte etwa zwei Stunden, bis schließlich alles Fleisch in Stücke geschnitten, in Säcke verpackt und auf der Ladefläche unseres Autos verstaut war. Selbst der Sack mit dem Fett kam mit – alles wird verwendet. Übrig blieb nur ein winziges Häufchen Reste, die nicht verwertbar waren. Meine Hände waren überzogen mit einer wachsartigen Schicht, die sich kaum abwaschen ließ. Als alles sauber war, war die Arbeit erledigt.

Ich war beeindruckt von dem, was ich gerade erlebt hatte. Und wieder fragte ich mich: Wie kann ich schon so viel Fleisch in meinem Leben gegessen haben und trotzdem diesen Anblick so ekelhaft und beängstigend finden? Es ist ein essenzieller Teil des Lebens so vieler Menschen, und trotzdem so weit weg und gut versteckt, dass Fleisch erst in abgepackter, völlig veränderter Form bequem konsumierbar wird.
Ob man auf Fleischprodukte Etiketten drucken sollte – wie auf Zigarettenpackungen – mit Bildern aus Schlachthöfen? Würde das das Bewusstsein verändern?

Bevor ich weiter in meinen Gedanken versinken konnte, fragte mich einer der Arbeiter, ob ich schon einmal Traktor gefahren sei und Lust hätte, eine Runde über den Hof zu drehen. Obwohl ich das noch nie gemacht hatte, durfte ich’s gleich probieren – mit den beruhigenden Worten, es sei fast wie Autofahren. Eine letzte lustige Erfahrung, um dieses Abenteuer abzuschließen.

Nach einer herzlichen Verabschiedung quetschten wir uns wieder zu sechst ins Auto – jetzt mit 400 Kilo Kuh mehr im Gepäck.
Auf geht’s.




(Auf den Fotos sieht man auch ein paar der Dinge, über die ich oben geschrieben habe. Falls jemand das lieber nicht sehen möchte, einfach nicht anschauen.)