„Fünf Tickets nach San Ignacio bitte.“
„¿Esta noche?“ – „Sí, por favor“, antworten Theo und ich am Schalter der Buslinie Champion.

Wir waren über das Wochenende wieder in Santa Cruz, einfach um den eher ruhigen Alltag in San Ignacio ein bisschen auszugleichen. Heute Abend sollte es wieder zurückgehen, weil morgen schon wieder Arbeit anstand.

Nach zehn Minuten Warten – was hier wirklich nichts Ungewöhnliches ist – kam der freundliche Mann vom Schalter wieder zurück: Heute gäbe es keine Plätze mehr. Also einmal die anderen vier Schalter abklappern, aber auch dort kein Glück. Leicht niedergeschlagen setzten wir uns auf eine Bank und überlegten, was wir jetzt machen könnten. Sah nicht gut aus.

Dann plötzlich ein kleiner Hoffnungsschimmer – der Mann vom Schalter winkte uns zu, wir sollten mitkommen.
Er führte uns unter eine Unterführung auf den Platz hinter dem Terminal. Dort standen die Truffis, kleinere Busse oder besser gesagt große Vans, ohne Klo, ohne Klimaanlage und, am schlimmsten, ohne Möglichkeit, sich hinzulegen. Neun Stunden damit durch die Pampa zu fahren, hat uns dann doch nicht ganz überzeugt. Wir lehnten also freundlich ab und entschieden uns, am nächsten Tag mit dem Bus zu fahren, auch wenn’s etwas teurer war. Zum Glück war unser Airbnb noch eine Nacht frei – immerhin etwas.

Ganz so schlecht wars aber nicht, so konnten wir am nächsten Abend Yannick zum Flughafen begleiten, der seine Rückreise nach Österreich antrat.

Ach ja, Yannick.
Er hatte uns in der ersten Woche hier begleitet, uns vieles gezeigt und uns bei der Ankunft in ein so fremdes Land geholfen. Jetzt, zweieinhalb Monate später, war seine Zeit in Bolivien vorbei.
Komisch, wie schnell man mit Menschen zusammenwächst. Vor drei Monaten kannte ich ihn nicht, und jetzt war ich traurig, ihn gehen zu sehen.
Ich finde es faszinierend, wie schnell dieses Gefühl entsteht, jemanden wirklich zu kennen, wenn man so viel miteinander erlebt, fühlt und ähnliche Ansichten teilt.

Ich erinnere mich an meine Schulzeit in der Graphischen – auch damals hab ich es so genossen, dass da dreißig andere Menschen sitzen, die dasselbe wollen wie ich: etwas Kreatives schaffen.
Wie leicht es da war, Gemeinsamkeiten zu finden, auf denen echte Freundschaften wachsen konnten.
Auch in der Vorbereitung auf mein Freiwilligenjahr hab ich viele Leute kennengelernt, mit denen es mir so leicht gefallen ist, wirklich in die Tiefe gehende Gespräche zu führen, einfach, weil wir alle eine ähnliche Vorstellung davon hatten, wie man das meiste aus seiner Zeit machen kann. Reisen, Neues lernen, andere Kulturen spüren, sich selbst immer wieder herausfordern.
Ich fühl mich wohl bei Menschen, die genau das leben – die einen darin bestärken.

Yannick war so jemand. Ein wirklich wichtiger Teil am Anfang meiner Reise.
Jetzt also Abschied – und ich weiß nicht, wann oder ob wir uns wiedersehen.
Ich wünsch es mir auf jeden Fall.
Ich hasse es, mich verabschieden zu müssen, und es fühlt sich jedes Mal so endgültig an. Die vielen Pokerrunden in unserem Lieblingsrestaurant am Plaza, die dummen Witze, so viele gemeinsame Erlebnisse – und kein Versprechen, dass wir das je wieder so erleben.
Ich weiß, dass alles vergeht, dass Erinnerungen das sind, was bleibt, weil noch so viele Begegnungen kommen werden. Aber in dem Moment fühlt sich das einfach nicht so an. Dafür ist der Abschied zu spürbar.

Wie ich schon öfter bemerkt habe – der Kopf ist einfach schlecht darin, sich vorzustellen, wie sich die Zukunft anfühlt. Also bleibt mir nur, zu vertrauen, darauf dass es schon gut wird.

Oben angekommen, zwei Schritte rechts von der Rolltreppe, verschwindet yannick hinter dem Geländer.

Mittlerweile ist es 22:30 Uhr, ich liege doch noch im Nachtbus Richtung San Ignacio.
Irgendwo über uns fliegt ein Flugzeug.
Neben mir schlafen Theo, Julian, Gitzi und Alex.
Für uns geht die Reise hier noch zusammen weiter, wer weiß wo hin.
Irgendwo hab ich mal gehört;
„Weder der Weg noch das Ziel sind das Entscheidende –
sondern die Menschen, die dich begleiten.“ und dem könnte ich nicht mehr zustimmen. Danke für die gemeinsame Reise :)

Gute Nacht.