Schon seit einer Weile vermisse ich es, wandern zu gehen. Hier in Bolivien, genauer gesagt in San Ignacio, ist die Landschaft extrem flach. Kilometerlange Felder ziehen sich von Dorf zu Dorf, dazwischen eine kleine einspurige Schnellstraße, ab und zu ein kleines Schlagloch neben den unzähligen größeren. Alles, was nicht für landwirtschaftliche Zwecke genutzt wird, ist dichter, wild bewachsener Wald. Wirklich dicht. Wer schon einmal in einem tropischen Wald gestanden hat, der weiß, was ich meine: zwischen den Bäumen tausende Sträucher, Pflanzen, die ich noch nie gesehen habe, Ranken und Lianen, die sich durchs Gebüsch ziehen, bis man am Ende nicht weiter als zwei Meter sehen kann.

Irgendwo weit hinter dem Busterminal von San Ignacio, außerhalb der Dorfgrenzen, ragt inmitten dieses Waldes der Berg Cero über die Wipfel der Bäume. „Berg“ ist hier eigentlich zu hoch gegriffen – ein Hügel trifft es besser, aber mit seinen ein bis zweihundert Höhenmetern sticht er trotzdem deutlich aus der restlichen Umgebung heraus.

Diesen Hügel wollten wir an diesem klaren Samstag besteigen, um den Sonnenuntergang von ganz oben anzuschauen. Also Wanderschuhe an, eine kleine Wasserflasche eingepackt, und schon waren wir auf der Suche nach einem Mototaxi, das uns hoffentlich bis an die Stadtgrenze bringen konnte, wo wir unseren Aufstieg starten wollten. Das Taxi war schnell gefunden, der Weg zu meinem auf Google Maps markierten Startpunkt dagegen eher schwieriger. Nachdem wir durch zwei oder drei eindeutig privat abgegrenzte Grundstücke gefahren sind, wurden wir schließlich fündig.

Schon auf den ersten Schritten mussten wir zugeben, dass wir wohl zu spät aufgebrochen waren. Die Sonne bewegte sich gefährlich nah am Horizont, aber das konnte unsere Mission natürlich nicht aufhalten. Die erste Hälfte des Weges war ein deutlich erkennbarer, noch befahrener Weg. Rechts und links tauchten immer wieder große Höfe mit Vieh und Pferden auf – wunderschön abgelegen, aber hier zu leben könnte ich mir dann doch nicht vorstellen.

Nach diesem ersten Stück ging es von der „Straße“ runter auf einen wesentlich schmäleren Pfad mitten durch den Wald. Es ist faszinierend, wie anders sich Wald anfühlen kann, obwohl er doch auch nur aus Bäumen besteht: die Luft, der Geruch, die bunten Blüten, die ich vorher noch nie gesehen habe, und dazu die vielen unterschiedlichen Vögel mit ihren Gesängen. Zehn Minuten standen wir unter einem Baum, in dessen Krone ein kleiner Vogel mit voller Kraft einen fast schon absurd klingenden Ruf von sich gab – wie ein Handy-Klingelton. Wirklich schwer zu beschreiben. Dann aber schnell weiter, auch wenn meine Hoffnung, noch rechtzeitig vor dem Sonnenuntergang oben anzukommen, praktisch erloschen war.

Ein paar hundert Meter war es komplett ruhig, bis Alex, der 20 Meter vor uns war, plötzlich mit einem ziemlich großen Satz nach hinten sprang, sichtlich aufgeregt und auf den Boden zeigte. (An dieser Stelle ein kurzer Spinnen-Disclaimer für alle, die nicht so darauf stehen.) Da saß die mit Abstand größte Spinne, die ich je gesehen habe. Wooow.

Nicht falsch verstehen: dass es so etwas hier gibt, ist einem ja bewusst. Aber wie so oft fühlen sich Dinge anders an, wenn sie plötzlich real werden. Die Spinne war vermutlich genauso geschockt wie wir. Sie bewegte sich keinen Zentimeter und saß keine 30 Zentimeter vor uns am Wegrand. Nach zwei Minuten Begutachten verschwand sie genauso schnell, wie sie gekommen war, mit einem lauten Rascheln im Gebüsch hinter ihr. Ja – die Spinne hat laut geraschelt. Für mich war das wirklich eine tolle Begegnung. Wieder so ein Moment: Man hat solche Tiere tausendmal auf Fotos gesehen, von ihnen gehört, aber wenn man sie in echt erlebt, löst es andere Emotionen aus. So riesig, so haarig, so greifbar, so giftig, so echt. Ich liebe dieses Gefühl.

Alle anderen waren sichtlich aufgeregt und happy über unseren Fund, und gutes Gesprächsthema der nächsten Minuten – bis Gitzi die nächste Spinnen-Begegnung machte, nur ein paar hundert Meter weiter. Diesmal winzige Spinnen, aber das Unangenehme: Sie saßen in riesigen Netzen, die teilweise über den gesamten Weg gespannt waren. Zigtausende winzige Spinnen schwebend vor, neben und am schlimmsten — über uns verteilt. Weil die Netze sowieso kaum sichtbar waren und die Spinnen so klein, erkennt man sie erst, wenn man wirklich 20 Zentimeter davorsteht oder direkt gegen den Himmel schaut. Das war nicht die Art Abenteuer, die ich gebraucht hätte, aber die anderen wollten unbedingt weiter – also stimmte ich zu.

Ein Stück weiter kamen uns dann ein paar Locals entgegen, in einem Pickup, der exakt so breit war wie es sich auf dem weg nur ausgehen konnte. Nach einem kurzen Austausch darüber, was wir hier überhaupt machten, denn hier geht eigentlich niemand einfach nur spazieren, folgte eine halb ernst, halb scherzhaft gemeinte Warnung, dass es hier „muy peligroso“ wird, sobald es dunkel wird. Ein bisschen gefährlich also. Trotzdem motiviert gingen wir weiter.

Die Spinnennetze wurden dichter, größer, näher aneinander, bis es schlicht nicht mehr richtig möglich war, sich darunter durch oder seitlich vorbeizuschieben. Und die Sonne war schon eine Weile verschwunden. Also gaben wir uns geschlagen: Unser Gipfel-Aufstieg musste auf ein anderes Mal verschoben werden.

Auf dem Rückweg fiel mir erst auf, wie laut der Wald während der Dämmerung geworden war. Überall zirpt und ruft es in unterschiedlichen Rhythmen. Tiergeräusche, die ich nicht einordnen kann, und überall raschelt es. Wieder einmal fühlt sich der Wald unglaublich lebendig an. Das einzig Unbehagliche ist, nichts zu sehen, aber zu wissen, dass alles andere dich ganz genau wahrnimmt.

Zum Glück wurde es erst richtig dunkel, als wir wieder auf dem großen Weg angekommen waren und die beleuchtete Schnellstraße nicht mehr weit entfernt lag.

Vielleicht war es keine riesige Wanderung, aber definitiv ein Abenteuer. Und nächstes Mal schaffen wir es dann bis ganz nach oben.