Ist das das Paradies?
Wir fahren schnell. Sehr schnell sogar. Wie viele km/h es sind, lässt sich auf einem Boot schwer einschätzen, wenn der nächste Fixpunkt nur eine Insel ein paar hundert Meter entfernt ist. Der Fahrtwind bläst mir stark um die Ohren und ein paar Mal fürchte ich, meine Kappe zu verlieren. Neben uns spritzt das Wasser in die Luft, jedes Mal, wenn wir über eine Welle springen. In unserem Boot sitzen ungefähr 50 Mitreisende, alle mit demselben Ziel: Ilha Grande. Eine Insel, die nur mit dem Boot erreichbar ist und etwa 40 Minuten vom brasilianischen Festland entfernt liegt. So klein, dass es dort nicht einmal Autos gibt, geschweige denn Straßen, die breit genug wären.
Ich bewundere das weite Nichts und genieße dieses Gefühl. Das Gefühl, so klein zu sein im Vergleich zu dem riesigen Meer um mich herum. Die Berge wirken unglaublich beeindruckend, so weit weg, fast verdeckt von Dunst und Wolken. Darauf die Bäume, eine wilde Mischung aus mir bekannten Pflanzen, Palmen und dichtem Dschungel.
Wir legen an einem Steg an, direkt am Strand des größten Ortes auf Ilha Grande: Abraão. Hier leben, soweit ich gelesen habe, etwa 3000 Menschen. Der Großteil der Menschen hier scheint aus Touristen zu bestehen, die genau wie wir mit riesigen Rucksäcken unterwegs sind. Ein ungewohntes Gefühl, nach meinen ersten vier Monaten in Bolivien, in denen ich insgesamt nicht so viele Urlauber gesehen habe wie jetzt auf einmal vor mir am Strand stehen. Trotzdem fühlt es sich hier nicht überlaufen an, zumindest nicht so, wie man es von vielen europäischen Urlaubsorten kennt.
Der Strand zieht sich links und rechts vom Pier weit entlang, bis er hinter den stark bewachsenen Bergen verschwindet. Direkt am Strand stehen kleine Sessel und Bänke unter großen Laubbäumen und Palmen, die zu den Cafés und Restaurants gehören, die hinter dem gepflasterten Weg liegen. Eines süßer als das nächste. Von dort aus zieht sich Abraão weiter ins Inland, den Berg hinauf. Es gibt ein paar kleine Gassen, sie führen aber nicht weit, bevor der dichte Wald beginnt und sich Richtung der großen Berge streckt.
Dieser Ort könnte genauso gut im Kopf eines Kulissenbauers entstanden sein und wäre vermutlich der perfekte Drehort für den ein oder anderen Film. Dass ich hier gerade mitten in diesem wunderschönen Ort stehe, fällt mir schwer zu begreifen.
Unser Airbnb liegt etwas weiter hinten, etwa fünf Gehminuten vom Strand entfernt. Ein älterer Herr nimmt uns in Empfang und begrüßt uns im Atelier Silvio. Ein wunderschönes kleines Häuschen mit einem Garten voller beeindruckender Pflanzen. Er führt uns über eine offene Terrasse zu unserem Zimmer, von denen es hier insgesamt vielleicht fünf oder sechs gibt. In so einem kleinen Paradies zu leben, ein paar Zimmer zu vermieten, andere daran teilhaben zu lassen und damit seinen Lebensunterhalt zu verdienen – das ist es irgendwie, denke ich mir. Wenn das nicht das Ziel ist, alt zu werden, was dann?
Ein bisschen traurig bin ich, dass wir hier nur drei Tage verbringen, umso mehr versuche ich, dieses Gefühl aufzusaugen. Selten bin ich an einem Strand gelegen, bei dem ich mir nach jedem Aufschauen wieder bewusst machen musste, dass das hier echt ist und keine Traumvorstellung.
Noch ein letztes Mal den Sonnenuntergang genießen, die orangenen Farben, die sich über den ganzen Strand legen. Noch einmal das Wasser spüren, das die perfekte Temperatur hat. Noch ein Cocktail am Strand, zwischen den leuchtenden Laternen in den Bäumen, die salzige Meeresluft tief einatmen. Dass sich die letzten Dezembertage einmal so anfühlen würden, hätte ich nicht erwartet.
Wunderbar.
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