Wie oft habe ich mir die Straßen von San Ignacio auf Google Maps angeschaut. Eine Runde um den Hauptplatz gedreht – der einzige Ort, an dem es Street View gibt – und mir vorgestellt, wie sich wohl die Luft, das Licht und das Wetter dort anfühlen. Aber sich wirklich ein Bild zu machen, das ist gar nicht so leicht.

Der Bus rollt in seine Parkbucht am Terminal und kommt zum Stehen. Draußen ist es noch kühl – kein Wunder, es ist halb sechs in der Früh. Ich habe fast die ganze Fahrt über geschlafen und von der Landschaft kaum etwas mitbekommen. Die Umgebung hat sich für mich also plötzlich verändert: keine hohen Häuser mehr, keine asphaltierten Straßen, kaum Autos. In San Ignacio leben rund 36.000 Menschen – und trotzdem fühlt es sich an, als stünde ich in einem kleinen Dorf.

Wir steigen aus dem Taxi vor dem Internat aus, das für die nächste Zeit unser Zuhause sein wird. – Aufregend.
Wie es dort wohl aussieht? Auf vieles kann man sich vorbereiten, sich ein Bild machen, um Situationen besser einschätzen zu können – aber eben nicht auf alles.
„Hoffentlich gibt’s ein bequemes Bett“, denke ich.

Die Tür öffnet sich, und wir werden sofort angebellt. Ein kleiner Hund – Dulce – scheint nicht besonders begeistert von unserer Ankunft. Links die Internatsküche, weiter über einen kleinen Hof, rechts das erste Zimmer der Señora. Danach, eins neben dem anderen, die Zimmer der Kinder. Eigentlich hatten wir gedacht, wir hätten ein eigenes Stockwerk für uns vier – mit je einem Zimmer. Aber das war wohl ein Missverständnis. Ein erster Stock existiert hier gar nicht.

Wir gehen etwa 30 Meter weiter den Weg entlang, zu den letzten beiden Wohneinheiten. Ein kurzer Blick, dann entscheiden Theo und ich uns für das letzte Zimmer.

Klein, mit einem noch kleineren Bad – eine Dusche ohne Vorhang – und in der Ecke ein Hochbett, gebaut für Menschen bis maximal 1,60. Theo ist fast 1,90. „Puh.“ Links ein Holzschrank für unsere Kleidung, dahinter eine Tür zu einer Art halboffener Terrasse.

Ehrlich gesagt ist dieser Tag inzwischen schon eine Weile her, und ich weiß nicht mehr genau, was mir damals durch den Kopf ging – viel Positives war es wohl nicht. Aber gut, aufraffen, das Beste draus machen. Dafür findet sich sicher eine Lösung.

Erstmal was essen.
Wir hatten noch kein Frühstück und vor der Busfahrt auch kaum Abendessen. Also sind wir zu viert mit Alex Richtung Mercado spaziert. Die Straßen staubig, alles trocken. Der Sommer steht noch bevor – von November bis April ist hier Regenzeit. Überall fahren Mopeds – das Hauptfortbewegungsmittel. Richtige Taxis sieht man selten, dafür unzählige Mototaxis. Eine Fahrt kostet immer 4 Bolivianos, egal wohin – sehr praktisch.

Der Markt von San Ignacio zieht sich über mehrere Häuserblocks. Links und rechts Hunderte kleiner Stände. Vor vielen steht ein dicker Holzblock, auf dem kräftig gehämmert wird – Cocablätter werden bearbeitet, je länger, desto stärker die Wirkung. Hier ist fast jeder am Kauen: Verkäufer, Taxifahrer, Arbeiter – die grünen Blätter sind das Aufputschmittel Nummer eins.

Dann die Obst- und Gemüsestände: Ananas, Bananen, Kokosnüsse, Papayas – unglaublich viele Papayas – und noch unzählige andere Früchte. Meist ältere Frauen still hinter ihrer Ware sitzen und auf Kundschaft hoffen.

Wir gehen weiter ins Innere des Marktes – oder des Hofes – ehrlich gesagt, ich weiß nicht genau, wie man diesen Ort beschreiben soll. Über uns eine wilde Mischung aus Planen und festen Dächern, unter uns Betonboden. Dann stehen wir plötzlich mitten in einer Halle voller Gewürze, der Duft ist intensiv. Ein Raum weiter – in welche Richtung kann ich nicht mehr sagen – sind wir in einer Art Metzgerei. Hinter Glasvitrinen liegen Hühnerfüße, ganze Fische, halbe Kühe. Der Geruch ist… interessant. Die vielen Fliegen lassen mich etwas an die Hygienevorschriften zweifeln.

Noch ein Gang weiter – und wir stehen wieder auf der Straße. Diesmal offenbar in der „Kleidungsstraße“. In San Ignacio sind die Straßen verschieden Kategorien gewidmet: eine Straße nur mit Elektronikläden, die nächste voller Motorradwerkstätten, und eine, in der es ausschließlich Pollo Frito gibt – frittiertes Hühnchen mit Pommes, Reis und Nudeln. Aber über das Essen in Bolivien sollte ich wohl wirklich einen eigenen Eintrag schreiben.

In den ersten Wochen gibt es für uns in der Stadt viel zu entdecken: die kleine Apotheke, die auch Milch und Instantnudeln verkauft, das Fitnessstudio „unser Local Gym“ und die Restaurants, die in denen man keine Angst vor einer Lebensmittelvergiftung haben muss.
Viele dieser Orte sind es sicher wert, später noch genauer beschrieben zu werden.

Für heute geht’s zurück ins Internat, wo unsere Strohmatratzen auf ihre Funktionalität geprüft werden müssen.

Wir sehen uns morgen wieder,
San Ignacio.