Und wieder geht es weiter, weiter mit dem Bus Richtung Norden. Ziel ist Rio de Janeiro. Die Fahrt ist nicht sehr weit, ungefähr sechs Stunden entlang der Ostküste Brasiliens. Ich bin ziemlich aufgeregt. Nicht vieles auf dieser Reise war im Vorhinein so fix geplant wie diese Neujahrsnacht an der Copacabana zu verbringen . Die größte Silvesterfeier der Welt hautnah zu erleben und herauszufinden, wie sich das wohl anfühlt.

Die Landschaft ist eine ganz andere als die, an die ich mich in Bolivien gewöhnt habe. Das Wetter, die Natur und natürlich das endlose Meer, das ab und zu zwischen den Bäumen und Palmen auftaucht, lassen diese Reise für mich wirklich wie Urlaub wirken.

Langsam beginnt sich die Landschaft zu verändern. Die dicht bewachsenen Berge und Hügel gehen nach und nach in dicht besiedelte Wohngebiete über. Favelas machen nun einen Großteil der Umgebung aus. An den Anblick dieser für mich so fremden Architektur werde ich mich wohl nie ganz gewöhnen. Ungefähr ein Viertel der Menschen in Rio lebt in solchen Favelas, ein Gedanke, der sich schwer greifen lässt. Alles wirkt chaotisch, aufeinandergebaut, ohne erkennbare Struktur. Unfassbar bunt und vielfältig. Jedes Haus, oder das, was ich dafür halte, hat eine andere Form, Größe oder Farbe. So dicht aneinander, dass der Berg darunter nur noch durch den Verlauf der Häuser zu erahnen ist.

Wir kommen langsam in die Innenstadt. Die Häuser links und rechts werden höher, die Straßen voller. Ich kann nicht genau festmachen, woran es liegt, aber Rio fühlt sich deutlich freundlicher an als São Paulo. Auf der Karte sehe ich, dass wir nur noch etwa zehn Minuten von unserem Terminal entfernt sind. Die Sonne scheint durchs Fenster, und zwischen den hohen Häusern und den Bergen, die über die Stadt ragen, erkenne ich plötzlich die berühmte Cristo-Statue.

Mit einem Uber fahren wir vom Terminal zu unserem Airbnb, wo Theo und Anahid bereits eingecheckt haben. Am Hausmeister kommen wir allerdings nicht so leicht vorbei. Erst nach Bestätigung unserer Reservierung und einem Blick in unsere Pässe dürfen wir zum Aufzug. Diese Prozedur ist mir hier in Brasilien inzwischen nicht mehr fremd. Klar ist: Hier kommt niemand rein oder raus, der nicht hierhergehört. Ob mich das wirklich sicherer fühlen lässt, weiß ich nicht. Dass es solche strengen Maßnahmen überhaupt braucht, löst eher ein komisches Gefühl aus.

Die Wohnung ist nicht allzu groß, und die Doppelbett-Ausziehcouch ist definitiv nicht dieselbe wie auf den Airbnb-Fotos. Ein bisschen improvisiert, Matratzen am Boden, aber irgendwie wird es schon gehen. Wir wohnen nicht direkt am Strand, sondern etwa 20 Minuten entfernt. Nicht, weil es hier schöner wäre, sondern weil die Unterkunftspreise zu dieser Zeit explodieren. Eine Wohnung, die sonst vielleicht 20 € pro Nacht und Person kostet, liegt rund um Silvester schnell bei 50 €. Oft sind es private Wohnungen, die für ein paar Tage frei gemacht werden, um in einer Woche ein ganzes Monatsgehalt zu verdienen.

Den ersten Nachmittag nutzen wir direkt, um zum Strand zu fahren. Mitnehmen wir nur das Nötigste: drei Handys, um Uber bestellen zu können, und unsere Badesachen. Dass man hier besonders gut auf seine Sachen aufpassen soll, wurde uns wirklich oft genug gesagt. An der Copacabana angekommen, packen wir die Handys in den Drybag und gehen sofort ins Wasser. Um diese Uhrzeit ist der Strand noch relativ leer, kaum vorstellbar, wie viele Menschen sich hier tagsüber aufhalten.

Das Wasser ist angenehm warm, und im Meer zu schwimmen, direkt vor diesen riesigen Hochhäusern, die so nah am Strand stehen, fühlt sich surreal an. Leider hält die Freude nicht lange. Nach etwa zwanzig Minuten im Wasser und einem kurzen Blick in den Drybag wird klar, so dry war er wohl doch nicht. Theos Blick werde ich nicht so schnell vergessen, als ein Schwall Salzwasser auf den Sand klatscht. Sein zweites Handy, ein altes Android, lässt sich gar nicht mehr einschalten. Anahids iPhone zeigt noch ein paar Mal das weiße Apple-Logo, bis auch das endgültig aufgibt. Mein Handy geht zwar noch an, aber das Display reagiert unter keinen Umständen mehr.

Zu unserem Glück treffen wir im nächsten Supermarkt zwei nette Argentinier, die uns ein Kilo Reis kaufen und ein Uber nach Hause bestellen. Ohne funktionierende Handys, Karten oder Apps wären wir sonst ziemlich aufgeschmissen gewesen. Viel zu spät und mit drei kaputten Handys kommen wir schließlich erschöpft, aber erleichtert zuhause an.

Die nächsten Tage nutzen wir, um die Stadt zu erkunden. Erst die anderen, wirklich komplett überfüllten Strände, dann ein riesiger Havaianas-Store. Die teureren, touristischen Gegenden hier sind wirklich wunderschön. Überall Palmen, große Grünflächen, eine lebendige Stadt, in der ständig etwas los ist. Nirgendwo habe ich so viel Kokosnusswasser getrunken wie hier, direkt aus frisch gekühlten Kokosnüssen für etwa 1,50 €. Ich weiß nicht genau warum, aber dieses Zeug ist einfach genial.

Am 31. ist es dann so weit. Der Tag, auf den ich mich so lange gefreut habe, ist da. Schon im Vorhinein haben wir U-Bahn-Tickets mit festem Zeitslot gekauft, um abends zum Strand zu kommen, da alle Straßen rund um die Copacabana gesperrt sind. Um möglichst weit nach vorne zu kommen, brechen wir schon um 18:00 auf. Alles läuft erstaunlich organisiert ab. Man merkt sofort, dass die Menschen hier wissen, wie man Großevents managt. Nach einem Fußballspiel im Ernst-Happel-Stadion ist die U-Bahn voller als hier und das, obwohl rund zwei Millionen Menschen erwartet werden. Ich fühle mich die ganze Zeit über überraschend sicher. Überall Polizei, Kontrollen an den Eingängen, zumindest so gründlich, wie man es bei dieser Menschenmenge erwarten kann.

Am Strand ist es entgegen meiner Erwartungen zunächst noch recht entspannt. Wir setzen uns ganz nach vorne ans Wasser und beobachten, wie sich der Strand langsam füllt. Die Spannung steigt. Immer mehr Menschen drängen nach vorne, Handys in der Luft, bereit für das perfekte Video. Zwischendurch hört man die Caipirinha-Verkäufer ihre Getränke zu bewerben, die es übrigens ganz schön in sich haben.

Dann der Countdown.
10, 9, 8, 7, 6, 5, 4, 3, 2 –
die ersten Raketen schießen entlang des gesamten Strandes in den Himmel. Die Explosionen sind gewaltig. Erst ein paar, dann immer mehr. Licht über Licht, dicht aufeinanderfolgend. Die Wellen rauschen, spülen Sand zwischen die Beine der Menschen, die immer weiter nach vorne gehen, um noch näher dran zu sein. Ich bin sprachlos. Fast vergesse ich meinen Mitternachtskuss, so überwältigt bin ich von den Dimensionen dieses Moments. Minutenlang starre ich einfach nur in den Himmel. Das Feuerwerk hört nicht auf, nicht nach zwei Minuten, nicht nach zehn. Rauch und Nebel liegen über dem Wasser, werden immer dichter. Dann das große Finale. Explosionen, wie ich sie noch nie gesehen habe, erleuchten den gesamten Himmel. Noch einmal, und noch einmal. Dann wird es dunkel. Und plötzlich funkelt der Himmel wie tausend blinkende Sterne. Das Jubeln wird lauter. Auch Minuten später kann ich kaum fassen, was ich gerade erlebt habe. Einfach atemberaubend schön…

In den nächsten Tagen darf ich noch weitere besondere Orte sehen. Den Sonnenuntergang vom Berg der Cristo-Statue aus, wie die Häuser Rios im goldenen Licht verschwinden. Oder im Regen mit der Gondel auf den Sugarloaf, um die Stadt bei Nacht leuchten zu sehen. Bilder, die sich fest in mir eingebrannt haben. Ich bin unglaublich dankbar für diese Erfahrungen. Und das war nur ein Bruchteil von all den Orten, den Menschen und den Abenteuern, die ich in diesen fünf Tagen in Rio erleben durfte.

Hoffentlich auf Wiedersehen :)