Wenn mir diese Reise eine Sache gezeigt hat, dann wie viel Glück ich hatte, auf der richtigen Seite geboren zu sein. Nicht, weil ich mir etwas erarbeitet hätte. Sondern weil ich ZUFÄLLIG in Österreich und nicht woanders geboren bin.

Seit ich in Südamerika unterwegs bin, ist Armut und das Leid derer Menschen für mich weniger eine ferne abstrakte Vorstellung, die man irgendwann hat, sondern etwas, das einfach da ist. Jeden Tag. Menschen, die auf der Straße schlafen, zugedeckt mit Plastikplanen. Kleine Zelte auf Gehsteigen, an denen man vorbeigeht, weil man irgendwohin muss. Am Anfang bleibt der Blick hängen. Irgendwann nicht mehr so lange.

Nicht, weil es einen kalt lässt. Sondern weil der Kopf lernt, sich zu schützen. Ich merke das bei mir selbst. Wie ich Dinge sehe, registriere und innerlich weiterschiebe. Nicht aus Absicht. Eher automatisch. Es ist zu viel, um es jedes Mal neu zu fühlen. Zu viel Leid, zu viele Geschichten, zu wenig Möglichkeiten, wirklich etwas zu verändern.

Auch in den Taxis und Uber-Fahrten kommt mir das immer wieder nah. Man redet ein bisschen, fragt, woher jemand kommt, was er macht. Und plötzlich wird klar, dass dieser Job oft nicht gewählt wurde. Dass viele hier gelandet sind, weil sie aus anderen Ländern fliehen mussten. Weil es keine andere Arbeit gab. Ich steige nach zwanzig Minuten aus. Sie bleiben zurück im Verkehr, im Lärm, in ihrem Alltag.

Diese dauerhafte Konfrontation überfordert mich. Vor allem, weil ich keine gute Antwort darauf habe. Natürlich gibt man hier und dort ein bisschen Bargeld her. Aber zufrieden fühlt sich das nicht an. Es bleibt eher ein komisches Gefühl, als würde man sich selbst kurz beruhigen, ohne wirklich etwas zu lösen.

Irgendwann taucht dann Schuld auf. Schuld, weil ich mehr habe. Schuld, weil ich gehen kann. Schuld, weil ich merke, dass ich beginne wegzuschauen. Gleichzeitig diese Machtlosigkeit, weil ich weiß, dass mein schlechtes Gewissen an der Situation nichts ändert.

Denn ich kann jederzeit weiterreisen. Ich kann entscheiden, wann mir das alles zu viel wird. Mein Unwohlsein ist freiwillig. Ihres nicht. Dieses Privileg fühlt sich schwer an, vor allem, weil es nichts ist, was man ausgleichen kann. Nicht mit Geld, nicht mit guten Gedanken, nicht mit kurzfristigen Gesten.

Ich frage mich oft, ob es fair ist, sich deshalb dauerhaft schlecht zu fühlen. Ob das irgendwem hilft. Oder ob es am Ende nur eine andere Form von Egoismus ist – sich so sehr um die eigene moralische Position zu drehen, dass man dabei handlungsunfähig wird.

Was bleibt, ist die Suche nach einem Umgang damit. Nicht nach einer großen Lösung, sondern nach etwas Persönlichem. Etwas, mit dem ich leben kann, ohne mich zu verschließen.

Vielleicht ist es genau das. Nicht, Antworten zu haben. Sondern mir diese Fragen überhaupt stellen zu können. Und sie auszuhalten, ohne sie vorschnell weg zu schieben, nur damit es sich wieder leichter anfühlt.